Einblicke

Einblicke

An dieser Stelle können Sie zwei meiner Vorträge nachlesen. 
Den jeweiligen Textabschnitten sind die Künstler und die 
beispielhaft gezeigten Abbildungen voran gestellt.


Das Floss der Medusa

Romantische Malerei in Europa?

Vortrag zum Salonabend der Carl Blechen Gesellschaft am 24. Oktober 2002
Musikzimmer in Schloß Branitz


Pressetext
In der deutschen Malerei der Romantik nimmt die Landschaftsmalerei einen besonderen Stellenwert ein und Caspar David Friedrich und Carl Blechen waren die herausragenden Meister dieser Kunst. Dagegen konzentrierten sich seit etwa 1810 die Mitglieder der sog. „Nazarener“ in Rom in ihrer Kunst auf die Darstellung der mittelalterlichen Geschichte und Religion.


Auch in England wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts häufig die Landschaft als malerisches Thema gewählt. Die überragenden Künstler waren Constable und Turner. Die erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzende Kunst der englischen Künstlergruppe der „Präraffaeliten“ lieferte bildliche Darstellungen literarischer Themen, die der heimischen Sagenwelt oder bei Shakespeare entlehnt wurden. Bemerkenswert an der englischen Kunst dieser Zeit ist der schon bald einsetzende gesellschaftspolitische Bezug, der in engem Zusammenhang mit der frühen Industrialisierung Englands steht.


Die französische Malerei des 19. Jahrhunderts war zunächst noch von der Aufklärung geprägt, jedoch mit dem Siegeszug Napoleons durch Europa wurden von den Künstlern zunehmend historische Themen gewählt, die durchaus nationalpathetische Züge trugen. Erst mit der Kritik an der napoleonischen Kriegspolitik zogen die Künstler sentimentale und empfindsame Bildthemen vor.


Der Lichtbildervortrag will die charakteristischen Züge der romantischen Malerei in Deutschland, England und Frankreich vergleichen und an Hand der prominentesten Beispiele darstellen.

Caspar David Friedrich: Tetschener Altar, 1808 
und 
Philipp Otto Runge: Der Morgen, 1808

„Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“


Georg Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, bot hier um 1799 eine erste Definition des Romantischen. Er gehörte zu einer jungen Generation deutscher Literaten, die, wie etwas später auch die Philosophen und Künstler ein neues Weltbild propagierten. Damit waren sowohl ein neuer Blick auf die Natur als auch die Sehnsucht nach Harmonie zwischen dem Menschen und seiner Umwelt
gemeint.


Besonders in der Malerei stellte die Frühromantik eine Abkehr von antiker Tradition dar und die jungen Künstler wendeten sich bewusst thematischen Vorbildern aus dem Mittelalter und der Frührenaissance zu, betonten damit das
christliche Erbe Europas und zielten auf die Utopie einer politisch und geistig geläuterten Zukunft ab. Dieses, nur unpräzise benannte Ideal, belegt, dass die Romantik keinen genormten künstlerischen Stil ausbilden konnte und wollte und sich in den einzelnen Ländern Europas mit ganz unterschiedlichen malerischen Mitteln von stiller Versenkung bis zu spektakulären Inszenierungen bediente.
Ich möchte an Hand dieses Vortrages die unterschiedlichen Ausprägungen einer europäischen Malerei aufzeigen, Ihnen vor allem die deutsche, englische und französische Romantik vorstellen und versuchen, Querverbindungen herzustellen, sofern dies möglich ist.


In meinen Ausführungen halte ich mich an die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Margaret Stuffmann, die am Frankfurter Städel tätig war, an John Cage von
der Londoner Nationalgalerie und an Norbert Wolf, der mehrere Jahre an der Universität München unterrichtete. Auch ist meine Auswahl, die ich ihnen vorstellen werde, eine rein Subjektive. Dies gilt auch für die Gegenüberstellungen, die, eben ganz romantisch, meine individuelle Gefühlswelt ansprechen. Ohne Frage ist die Romantik, auch wenn sie sich im Deutschland des beginnenden 19. Jahrhunderts einer besonderen Resonanz erfreute, ein gesamteuropäisches Phänomen, das weite Teile des Jahrhunderts in Anspruch nahm. Wandel und Veränderung, die Aufhebung von Normen und das Verfließen von künstlerischen Grenzen wurden zum Programm. Die französische Revolution wurde zunächst von den deutschen Künstlern als Chance angesehen.  

Das in Kleinstaaterei und pompösem Kaisertum erstarrte Deutschland ohne eigentliche Hauptstadt, ohne politisch verantwortungsbewusstem Bürgertum und letztendlich auch ohne entscheidende  Industrie hätte von einem politischen Neuanfang profitieren können. Doch in der Folge der Befreiungskriege  entstanden zunehmend nationalstaatliche Bemühen  und individueller Rückzug. 


Der deutsche Romantiker, Caspar David Friedrich, wird zwar zu den Gegnern Napoleons gerechnet, aber den Nebel einer unreflektierten Deutschtümelei darf man ihm nicht anlasten. Sein sog. "Tetschner Altar" von 1808 war das erste Bild, mit dem Friedrich überhaupt in die Öffentlichkeit trat. Hier sind sowohl nationale als auch christliche Symbole enthalten. Ursprünglich hatte Friedrich es dem Schwedenkönig Gustav IV. Adolf, dem Landesherren von Greifswald, Friedrichs Geburtsstadt, einer führenden politischen Gestalt im antinapoleonischen Kampf, gewidmet. Demnach wäre also das Gipfelkreuz, dem Dichter Ernst Moritz Arndt entsprechend, als deutsch-nationales Symbol zu deuten. Aber mit dem Bedeutungsverlust Gustav Adolfs und dem Verkauf des Bildes nach Tetschen konnte nun die rein christliche Symbolik betont werden. Versehen mit einem neuen Holzrahmen, den ausschließlich christliche Motive schmücken, war das Gemälde als Altaraufsatz für die Schlosskirche vorgesehen. Daß dieses Bild schließlich im Schlafzimmer des Schlosses landete, hatte Friedrich nicht mehr  zu beeinflussen. 


In Philipp Otto Runges Bild "Der Morgen" aus dem gleichen Jahr" bildet eine nackte Frauengestalt über einer weiten Ebene und Meeresküste im Hintergrund das zentrale Motiv. Sie ist sowohl als Maria als auch als antike Venus zu deuten. Ihrer rechten Hand entwächst eine riesige Lilienblüte auf deren Rand Kinder sitzen. Das auf dem Boden liegende Kind symbolisiert gleichzeitig Eros und das Christuskind und die Rahmenleiste zeigt mehrere Kindergestalten und Pflanzenformen, die gemeinsam mit der Binnendarstellung die (so Runge) „grenzenlose Erleuchtung des Universums“ zum Ausdruck bringen sollen. 


Bei Runge und bei Friedrich also Bilddarstellungen, die mehrere Deutungsmöglichkeiten zu lassen. Der Mensch und das Universum gelten in der Malerei der deutschen Romantik als bildbestimmende Motive und wiederum war es Friedrich, dem es gelang, diese Gefühlswerte im Bild anschaulich zu machen. 

Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer, 1810 
und 
Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald, 1810

Caspar David Friedrich: Frau am Fenster, 1822
und
Philipp Otto Runge: Die kleine Perthes, 1805
 

Karl Friedrich Schinkel: Felsentor, 1818
und
Carl Blechen: Mönche am Golf von Neapel, 1829
 

Theodore Gericault: Das Floß der Medusa, 1819 
und 
Eugene Delacroix: Das Massaker von Chios, 1824

Während des napoleonischen Zeitalters wirkte in Frankreich zunächst noch die klassizistische Malerei fort und fand ihre Ausprägung im oftmals kühlen und akademisch reglementieren Werk Ingres nach. Doch kurz nach 1800 formierte sich ein Widerspruch zum Imperator und dem von ihm propagierten klassizistischen Stil des Empire. 


Nicht zuletzt Chateaubriand und Germaine des Stael gehörten zu den Kritikern Napoleons und die de Stael empfahl bereits die deutsche Romantik als Vorbild eines über reine Machtpolitik hinausgreifenden Universalismus. Und mit dem Werk Gericaults und Delacroix entwickelte sich eine, Frankreich typische, Ausprägung der Romantik. 


Diese beiden genialen Künstler ließen jedoch die für die deutsche Romantik so bezeichnende Landschaft in ihrem Werk völlig außer Acht und konzentrierten sich eher auf das Historienbild, vor allem, weil sie darin die Möglichkeit sahen, die unterschiedlichen Fassetten der menschlichen Psyche darlegen zu können.


Theodore Gericaults "Floß der Medusa" von 1819 löste im Pariser Salon zunächst große Aufregung aus. Den Zorn erregte vor allem das gewaltige Format von etwa 4 x 7 Metern, für ein Gemälde, das nicht wirklich heroisch und erhebend war. Außerdem war diese Katastrophenschilderung nicht eine Allgemeine und Unverbindliche, wie man sie in der französischen Malerei durchaus kannte, sondern Gericault beschrieb hier ein zeitgenössisches Ereignis, das den Menschen noch immer unter die Haut ging: Am 2. Juni 1816 war vor der westafrikanischen Küste die Fregatte Medusa untergegangen. Die Besatzung überließ 150 Passagiere auf einem Floß ihrem Schicksal. Dreizehn Tage trieben diese auf dem Meer, wobei es zu grauenvollen Szenen des Wahnsinns, Tod, Mord und Kannibalismus kam. Als das Floß schließlich gesichtet wurde, waren noch 15 Personen am Leben. Von den offiziellen Stellen zunächst verschwiegen, erschien 1817 ein Bericht der Überlebenden, der eine Welle der Empörung auslöste.

Gericaut lieferte mit diesem Gemälde eine Komposition, die weit über eine Reportage oder genrehafte Behandlung des Themas hinausging und menschliches Verhalten in einer Extremsituation schilderte. Wenn auch für die Durchbildung der menschlichen Körper hier Michelangelo stellenweise Pate stand, gelang es Gericaut auf eindringlichste Weise, unvorstellbares menschliches Leid drastisch vorzuführen und damit das menschliche Versagen der Verantwortlichen bloßzustellen. 


Um die Schilderung menschlichen Leids in glaubwürdiger Form ging es auch Eugene Delacroix in seinem Gemälde "Das Massaker von Chios", das 1824 entstand. 


Der griechische Freiheitskampf gegen die Türken bewegte die Gemüter in ganz Europa. Delacroix beschieb die Ermordung von 20.000 Bewohnern der Insel Chios. Er präsentiert die Täter und die Opfer, Tote und Überlebende, die Posen der Verlierer und Verletzten, den türkischen Reiter auf dem sich aufbäumenden Pferd und seinen  siegesbewussten Blick. Eine karge Küstenlandschaft mit brennenden Häusern bildet den Hintergrund und legt sich folienhaft hinter die bestialische Vordergrundsszene. 


Befremdlich wirkt zunächst das exquisite Kolorit, jedoch ist der scheinbare Gegensatz zwischen dem grausamen Thema und dem schönen malerischen Stil nicht als Zeichen der künstlerischen Raffinesse des Malers zu verstehen, sondern als sein Vermögen eine aktuelle Realität und überzeitliche Identität der Bildaussage zu kombinieren.

Paul Delaroche: Die Söhne Edwards IV., 1830 
und 
Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1828

Vom Vorwurf  hohler Theatralik, von oberflächlichem Sentiment und übersteigertem Pathos ist das Werk des Malers Paul Delaroche nicht freizusprechen. Hier wurde ein Publikumsgeschmack bedient, der nach Sensation und Faszination verlangte. In seinem großformatigen Gemälde einer Szene aus einer Vorlage nach Shakespeare versuchte Delaroche historische Exaktheit, schaffte aber nur eine Bühnenrealität. Wie in einem Kriminal- oder Schauerroman soll hier Spannung aufgebaut werden: Der Mörder der beiden Königssöhne lauert im Verborgenen, das Hündchen aber hört ihn schon kommen, und auf dessen Reaktion hin wird auch der Ältere der Prinzen aufmerksam. Romantisch und seelenvoll, voll Todesahnung, sollen die Jungen 

wirken, und sind doch nur die Protagonisten eines sentimentalen Rührstücks. Natürlich sind Sentiment und menschliche Verbundenheit große Leitthemen der 

Romantik, aber sie können auch in ganz anderem Gewand daherkommen.


Die Nazarener stehen für eine Form des Freundschaftskultes, der besonders in der Romantik beflügelt wurde. 1809 hatten Wiener Kunststudenten den Lukasbund, die erste Künstlergemeinschaft, gegründet. Sie nannten sich Lukasbrüder nach dem Evangelisten Lukas, dem Patron der Malerzunft, und sie lehnten jedes akademische Reglement strikt ab. 1810 verließen sie Wien um sich im römischen Kloster San Isidoro niederzulassen und dort in mönchischer Einfachheit zu leben und zu arbeiten.Man kennt die Namen: Cornelius, Pforr, Schnorr von Carolsfeld, Overbeck und andere. Wegen der langen, in der Mitte gescheitelten Haartracht wurden sie von den Römern als Nazarener verspottet. 

Sie suchten das Mittelalter in Rom und fanden Raffael und Perugino, beides Protagonisten der italienischen Renaissance. Ziel war die Erneuerung der Malerei im Sinne sakraler Tiefe und volksnahem Katholizismus. Die biblischen, symbolischen und aus der altdeutschen Geschichte und Sagenwelt entnommenen Themen wurden in einem naiv-volkstümlichen, schönlinigen Erzählstil vorgetragen.


Friedrich Overbecks Gemälde "Italia und Germania" von 1828 entspricht genau dem Programm der Nazarener, nämlich die angestrebte harmonische Verschmelzung italienischer und deutscher Malerei des Spätmittelalters und der Renaissance bis hin zu Raffael. Links die lorbeerbekränzte dunkelhaarige Italienerin, typisiert nach dem damaligen Schönheitsideal, rechts verkörpert
Germania den nordischen Gretchentyp mit Blondhaar und Myrtenkranz. Hinter Italia erstreckt sich passend eine italienische Ideallandschaft, hinter Germania eine engwinklige deutsche Stadt mit gotischem Spitzturm. Die einander zugewandten Frauengestalten besitzen eine innere Monumentalität, die aber auch die menschliche Zugeneigtheit nicht vermissen lässt.

  

Die Nazarener waren zwar nicht unbedingt stilbildend, jedoch in Europa von einer gewissen Bekanntheit und demzufolge kam es, nach einer Zeitverzögerung, auch zu ähnlichen Ergüssen in der europäischen Kunst der 

zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Jean August Dominique Ingres: Jean d ́Arc, 1854 
und 
William Morris: Königin Guinevere, 1858

William Turner: Rom vom Aventin aus gesehen, 1836 
und 
Carl Blechen: Abendhimmel über der Campagna und Aquädukt, 1829

William Turner: Letzte Fahrt der Flighting Temeraire , 1838 
und 
Frieden – Bestattung auf See, 1842

William Turner: Schneesturm, während Hannibal die Alpen überquert, 1812 
und 
Carl Rottmann: Kosmische Landschaft, um 1840

John Constable: Die Kathedrale von Salisbury, 1828 
und 
Karl Friedrich Schinkel: Mittelalterliche Stadt am Fluß, 1815

John Everett Millais: Christus im Haus seiner Eltern, 1850 
und 
Johann Friedrich Overbeck: Magdalena salbt Christus die Füße, 1846

John Everett Millais: Ophelia, 1852 
und 
Edward Burne-Jones: Das Schreckenshaupt von 1887

George Loring Brouwn: Berglandschaft, 1846 
und 
William Louis Sonntag: Klassische Landschaft, 1858

George Bingham: Pelzhändler auf dem Missouri, 1845 
und 
Frederic Edwin Church: Niagarafälle, 1857

Landschaft und Mensch 

Malerische Naturerfahrung und Darstellung zeitgenössischer Charaktere bei Johann Georg von Dillis und Carl Blechen

Vortrag zum Salonabend der Carl Blechen Gesellschaft 

am 29. Oktober 2004

Schloß Branitz 


Pressetext 

Der Maler Johann Georg von Dillis (1759-1841) und sein um eine Generation jüngere Kollege Carl Blechen (1798-1840) gelten heute neben Caspar David Friedrich als die bedeutendsten Vertreter der deutschen Landschaftsmalerei im frühen 19. Jahrhundert. Wenn beide sich auch nicht persönlich kannten, so sind doch große Ähnlichkeiten in ihren Werken zu entdecken. Beide hatten ihr künstlerisches Schlüsselerlebnis in Italien, wo sie lernten, Licht, Luft und Atmosphäre in ihren Bildern zu thematisieren. Ihr stimmungsvoller Blick auf die Natur war einzigartig in der damaligen Zeit und die Darstellung und Charakterisierung des menschlichen Individuums nimmt ebenso bei beiden einen großen Stellenwert ein. Große Einfühlsamkeit und besonders der Respekt vor Mensch und Natur prägen das zeichnerische Werk der beiden Künstler. 


Während Johann Georg von Dillis als königlich bayerischer Hofbeamter nicht um sein Überleben kämpfen musste und die Malerei zum eigenen Vergnügen und ganz im Privaten betreiben konnte, musste Blechen stets um Anerkennung und Sicherung seiner Existenz ringen. Ganz im Gegensatz zu Blechen, dessen Leben viel zu früh und auf tragische Weise endete, konnte Dillis auf ein langes Leben voll künstlerischem Schaffen und in verantwortungsvoller Position im Umfeld König Ludwigs I. von Bayern zurückblicken. Die Münchner Kunsthistorikerin Dr. Barbara Baumüller stellt in einem Diavortrag die beiden Künstler vor, erläutert deren künstlerische Entwicklung und vergleicht mehrere Hauptwerke. 

Gemälde von Carl Blechen

Porträts von Dillis (1790) , 31 Jahre alt, Federzeichnug der Gräfin Baumgarten, Dillis 35 Jahre alt, 1791 
und
Carl Blechen, Selbstporträt, um 1810, im Besitz der Carl-Blechen-Sammlung, Schloss Branitz, Cottbus

Heute möchte ich Sie mit einem Gegensatzpaar konfrontieren. Es handelt sich um zwei Maler, von denen jeder für sich an der Schwelle einer Zeitenwende und des Umbruchs stand. Sie kannten sich nicht, obwohl sie beide in Italien waren und gerade dort auch die Erfüllung mancher Sehnsüchte und malerische Schlüsselerlebnisse für ihre Naturauffassung fanden. 


Johann Georg von Dillis lebte von 1759 bis 1841 und Carl Blechen von 1798 bis 1840. Man kann also sagen, beide trennte genau eine Generation und doch ist beider Leben auch von den politischen und sozialen Umständen ihrer Zeit geprägt. Sie erlebten die Jahre des napoleonischen Imperiums und den damit verbundenen Wandel in Europa, das völlig neun gestaltet wurde. Danach kamen die Befreiungskriege und der Wiener Kongress, erneute Gestaltung der europäischen Staaten. Was man danach vielleicht einen bürgerlichen Aufbruch nennen könnte, ich meine das Wartburgfest von 1817, endete in der Restauration, also dem politischen Stillstand und dem Rückzug jeglichen Individualismus. Die Schattenseiten der frühen Industrialisierung, eine damit verbundene Landflucht und auch die Beeinträchtigung der Umwelt waren damals genauso Thema wie z. B. die erste Eisenbahnfahrt, die 1835 stattfand. 


Beide entstammen eher kleinbürgerlichen Verhältnissen: Dillis war das zweitgeborene Kind eines kurfürstlichen Revierförsters in der Nähe von München und Blechen, wie ja bekannt, entstammte einer Cottbuser Beamtenfamilie. Während Dillis jedoch zusammen mit seinen 10 Geschwistern eine ländlich-behütete Kindheit erlebt, hat Blechen schon früh unter zerrütteten Familienverhältnissen zu leiden. Die Ehe der Eltern wird schließlich geschieden, der Vater, vielleicht depressiv veranlagt, schied 1821 durch Suizid aus dem Leben.

Beide müssen zunächst einen recht ungeliebten Beruf erlernen. Blechen geht nach Berlin in die Banklehre und Dillis absolviert in Ingolstadt ein komplettes Theologiestudium. Und beide brechen schließlich diesen Weg ab, um sich ganz auf das eigentliche Talent, die Malerei, zu konzentrieren, trotz des großen Risikos und finanzieller Unsicherheit. Dillis lässt sich sogar von seinen theologischen Pflichten dispensieren und verdingt sich als privater Zeichenlehrer in Münchner Adelsfamilien. Dort wird er ganz unterschiedlich mit dem Leben der Höfischen Gesellschaft konfrontiert: einerseits als gleichberechtigt angenommener Freund und Gesprächspartner, andere Familien behandelten ihn jedoch wie einen Dienstboten. 


Jetzt tritt in beider Leben die entscheidende Persönlichkeit, die neue Wege ermöglicht: Der in bayerischen Diensten stehende amerikanische Forscher und Politiker Sir Benjamin Thompson, Graf Rumford, erkannte frühzeitig das malerische Talent des nun schon 27jährigen Dillis und ermöglichte ihm Studienaufenthalte in Dresden, Wien und Prag. Durch seine Vermittlung bekommt Dillis 1790 eine Anstellung als Inspektor in der kurfürstlichen Bildergalerie in München. Mit dieser Beamtenstellung ist die finanzielle Unabhängigkeit gesichert. 


Der junge Blechen kann mit der Hilfe Karl Friedrich Schinkels seine Position als selbständiger Künstler begründen. Er ist nun 26 Jahre alt, hat seit 1824 eine Stelle als Dekorationsmaler am Königstädter Theater in Berlin und nimmt erstmals mit einem Landschaftsgemälde an der Berliner Akademieausstellung teil.

Dillis: Et in Arcadia ego, um 1790, Aquarell
Blechen: Gebirgsschlucht im Winter, 1825, Öl auf LW
 

In ihren Anfängen unterscheiden sich die beiden Künstler noch ganz grundlegend. Das hat aber mit ihren frühen Prägungen und Ausbildungen zu tun.


Zunächst zu Dillis: 

Dieses große Aquarell von etwa 50x40 cm ist ein Stück Naturaufnahme ganz in der Tradition der barocken Pastorallandschaften: Das Bild dominiert eine mächtige Baumgruppe, die in einer englischen Gartenlandschaft steht. Unter den Bäumen lagern Hirtenjungen, einer spielt die Flöte, rotbunte und braune Rinder ergötzen sich an den saftigen Wiesengründen. Im Hintergrund ein antiker Tempel. Ein Paradies für Mensch und Tier! Dieses Bild ist nicht direkt vor der Natur entstanden, sondern es ist eine Komposition im Atelier. Es zeigt keine bestimmte authentische Ansicht, sondern eine ideale Vorstellung von freier Natur, wie sie im Englischen Garten z.B. in München kunstvoll gestaltet ist. Es ist ein unscheinbares Detail, das die Harmonie stört. Am linken unteren Bildrand liegt ein von Pflanzen überwucherter Ruinenrest, ein traditionelles Symbol für Vergänglichkeit, mit der Inschrift: „Et in Arcadia ego“. Arkadien galt schon seit der Antike als das Sehnsuchtsland, in dem Mensch und Natur in friedlichem Einklang mit einander leben. Johann Wolfgang Goethe hat schließlich dieses paradiesische Arkadien mit Italien gleichgesetzt. Die Inschrift ist ein Memento mori, der Tod verschont auch dieses Sehnsuchtsland nicht. Da wir aber schon lange nicht mehr im Barock sind, hat Dillis die Todessymbolik stark gemildert und vor allem den malerischen Natureindruck in den Vordergrund gerückt. Die ungewöhnliche Größe und die umlaufende Ränderung legen den Schluss nahe, Dillis habe dieses bildmäßige Aquarell entweder als Geschenk oder zum separatem Verkauf gedacht.

Blechens Natureindruck und Symbolinhalte sind über dreißig Jahre später schon wieder bedeutend stärker und direkter:

Sie kennen alle seine Gebirgsschlucht im Winter, in der Berliner Nationalgalerie und die Studie in Branitz. Das Gemälde ist vermutlich seine erste vollendete Landschaft im großen Format (etwa 1 x 1,30 ). Vor einer tiefen Schlucht steht ein abgestorbener Baum mit spinnenartig auskragenden, zersplitterten Ästen. Neben dem Baum ein Bildstock mit einer Madonnenstatue. Ganz tief im Hintergrund leuchten die beiden hellen Fenster eines Hauses wie zwei Augen aus der Dunkelheit. Dorthin möchte der Wanderer, dort findet er Schutz, doch der Weg ist ihm durch den Baum und vereiste Felsblöcke verwehrt. Gibt das Marienbildnis Hoffnung? 


So früh treffen wir hier eine Grundkonstante in Blechens Werk an: In der Komposition wird zunächst eine düstere, bedrohliche Stimmung erzeugt, die dann doch nur die Option der Erlösung anbietet. Aber anders als bei Caspar David Friedrich wird das religiöse Instrument (Madonnenstatue) nicht zum Zeichen der Erlösung, sondern ist selbst ähnlichen Bedrohungen ausgesetzt wie der Betrachter (Wanderer).

Claude Lorrain, Landschaft mit Biblischen Gestalten, 1676, Öl/LW Caspar David
und
Friedrich, Winterlandschaft, 1811, Öl/LW, Schwerin
 

Dillis, Blick auf St. Peter, Öl/Papier, 1818

Blechen, Lichtbewölkter Himmel m. Kuppel, Ölskizze, 1829

Beide Künstler waren natürlich auch in Italien. Solch eine Künstlerreise gehörte verpflichtend zur fachlichen Bildung eines Malers. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich eine große Zahl deutscher Maler und Literaten für einige Zeit im „Land, in dem die Zitronen...“ niedergelassen. Es waren vor allem die malerische Landschaft und die geschichtsträchtigen Monumente, die besonders Rom zu einem beliebten Künstlerstandort machten. 


Dillis reist 1794 erstmalig nach Rom; im Laufe seines 82 Jahre dauernden Lebens wird er die Stadt noch weitere 17 mal besuchen. Die erste Reise konnte durch eine Art Stipendium dank der Vermittlung Rumfords finanziert werden. 1806 lernt er dann in Rom den schwärmerischen Kronprinzen Ludwig, den späteren König Ludwig I., kennen, wird fortan sein Reisebegleiter, der einerseits viele Orte zeichnerisch als Erinnerungen festhält und andererseits auch durch sein immenses historisches und kunsthistorisches Wissen beeindruckt. Dillis wird zum Berater und Kunstagenten seines späteren Königs und auf eine Vielzahl von Dienstreisen nach Italien geschickt, um dort Schätze des Altertums und vor allem der Renaissance für dem bayerischen Hof einzukaufen.


Ganz anders gestaltet sich der einmalige Aufenthalt Blechens in Italien. Nach dem Zerwürfnis mit Henriette Sonntag verlässt er ja bekanntlich das Berliner Theater, kann auf Akademieausstellungen auch einiger seiner Bilder verkaufen. 1828/29 dann die selbstfinanzierte Reise zunächst nach Rom, anschließend an den Golf von Neapel mit Pompeji, Sorrent und Capri.

Dillis´ Romansicht gehört mit drei weiteren zu seinen bedeutendsten Werken. Er schuf diese Ansichten 1818 von der Villa Malta aus, die Ludwig für sich und seine Künstlerfreunde gekauft hat. Die Besonderheit liegt in den völlig naturgemäß erfassten Lichtverhältnissen, in denen die Stadtlandschaft mit einem tonig abgestuften Kolorit und in sanft fließenden Übergängen vom dunstig verschleierten Vordergrund bis zum hellen Bildhintergrund mit den ausgeleuchteten Monumenten dargestellt wird. Hier wurde ein akademisch ordnendes Kompositionsprinzip vollkommen aufgegeben zugunsten der Schilderung der Realität, die topographischen Verhältnisse genauso berücksichtigt wie die Stimmung der gewählten Tageszeit. Der Reiz dieser Sicht auf San Peter liegt in der weichlinigen Modulation der architektonischen Körper, dem im leichten Dunst der Morgensonne höchst transparent gemalten Gewirr von Häusern und Dächern und den vor dem Himmel sich abzeichnenden Monumenten der Stadt.


Wie anders dagegen Blechen, zugegeben in einer hier nicht vollendeten Studie. Die Architektur ist bis auf die Kuppel vollkommen negiert, es geht hier nur noch um die Erinnerung an das Monument, den Petersdom, den jeder sofort erkennt. Eine flüchtige Skizze, die trotzdem den Raum und die atmosphärische Wirkung des Himmels akzentuiert.

Dillis, Blick von der Villa Malta auf den Quirinal, 1818, Öl /LW

Blechen, Die Werkstatt des Bildhauers Rudolf Schadow in Rom, 1830 

Blechen, Drei Fischer am Golf von Neapel, 1835, Öl/LW

Dillis, Neapolitanische Fischerknaben, Bleistift/Aquarell 

Blechen, Bocciaspieler in Subiaco, Feder/Aquarell, 1829

Dillis, Steinesammler, Feder/Aquarell, 1796 

Blechen, Junge Italienerin auf einem Stuhl sitzend, 1829, Öl/Papier

Dillis, „Wahnsinniger“, 1790, Pinsel/Kreidezeichnung

Dillis, „Meyer von Pöring“, 1790, Aquarell

Blechen, Francesca Primavera, 1829, Öl/Pappe

Blechen, Park von Terni mit badenden Mädchen, 1835, Öl/LW

Dillis, Frauengespräch am Tisch, 1790, Feder/Aqua 

Blechen, Meeresküste mit Pinie im Vordergrund, 1829, Öl/Papier

Dillis, Sonnenuntergang bei der Villa Aldobrandini bei Frascati, 1832, braune Feder/Aquarell 

Dillis, Der Hirschgarten, um 1834, Öl/Papier

Blechen, Waldlichtung, um 1837, Öl/LW 

Blechen, Blick auf Dächer und Gärten in Berlin, um 1833, Öl/Papier (10 x 19)

Dillis, Münchner Dächer, vor 1806, Öl/Papier (25 x 40) 

Dillis, Wolkenstudie, 1821, Kreide/far. Papier

Blechen, Wolken bei Tage mit blauem Himmel, 1823 

Dillis, Toskanische Landschaft, Skzb. 1812, Bleistift/Feder

Blechen, Campagna Landschaft, 1829, Bleistift/Feder 

Dillis, Landschaft bei Nizza, 1806, Lavierung

Blechen, Waldinneres mit Lichtung, 1830-36, Lavierung  

Blechen, Höhenzug bei Abendröte, 1829, Öl/Papier

Dillis, Gebirgszug mit Flusstal, 1830, Öl/Papier  

Die besprochenen Abbildungen finden sich größtenteils in folgenden Ausstellungskatalogen: 

Johann Georg von Dillis (1759-1841)

Landschaft und Menschenbild

hrsg. von C. Heilmann; mit Beiträgen von B. Hardtwig, 
C. Heilmann, K. Laudenbacher 
und H. Sieveking

München, Prestel, 1991 

Johann Georg von Dillis (1759-1841)

Die Kunst des Privaten

Zeichnungen aus dem Nachlass des Historischen Vereins von Oberbayern

hrsg. von Barbara Hardtwig

Köln, Wienand, 2003 

Carl Blechen (1798-1840)

zwischen Romantik und Realismus

hrsg. von Klaus-Peter Schuster mit Beiträgen von S. Achenbach

München, Prestel, 1990 

Carl Blechen (1798-1840)

Bilder aus Italien

Sonderausstellung zum 150. Todestag des Malers Carl Blechen

hrsg. von Beate Schneider

Cottbus, 1990

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